Der Radspielerbrunnen

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Im Knick der Hackenstraße, dort wo die Straße nach links wegzieht und die Brunnstraße abgeht, steht ein rundes Becken aus hellem Kalkstein. Ende August, sommerlicher Nachmittag, der Beckenrand ist warm. In der Mitte steigt ein Schaft auf, kantig gehauen, ganz oben sitzt ein Kopf mit einem flachen Hut, der schief auf dem Schädel liegt. Aus dem Mund fällt ein dünner Strahl senkrecht nach unten und trifft ein Rad, das in den Schaft eingelassen ist.

Das Rad dreht sich.

Auf der anderen Straßenseite, im gelben Haus, sitzt seit Generationen das Einrichtungshaus Radspieler. Der Bursch auf dem Schaft spielt mit seinem Radl. Das ist der Witz, und mehr will er nicht sein.

Der Radspielerbrunnen ist jünger, als er aussieht

Wer den Brunnen für alt hält, ist in guter Gesellschaft. Eine Münchner Zeitung nannte ihn vor ein paar Jahren den historischen Radspielerbrunnen. Er ist von 1967. Ernst A. Rauch hat ihn entworfen, derselbe, von dem der Karl-Valentin-Brunnen am Viktualienmarkt stammt, und er ging aus einem Wettbewerb hervor, den die Stadt für genau diesen Platz ausgeschrieben hatte. Der Verwaltungsbau, vor dem er steht, wurde 1964 bis 1966 errichtet. Der Brunnen ist jünger als das Haus, das er schmückt, und gehört zu ihm wie das Treppengeländer. Auch das Rad ist nicht das, wonach es aussieht: Es wirkt wie verwittertes Holz und ist Bronze.

Der Boden darunter ist älter als beides.

Hier stand das Haus der Katharina Schwerzin, Witwe eines Leinenweber-Gesellen. Von sechzehn Kindern lebten noch zwei, Barbara und Elisabeth, Bärbl und Elsl gerufen. Als 1607 die Teuerung kam, reichte das Spinnen nicht mehr. Das städtische Bordell war seit 1579 geschlossen, die Sittengesetze der Gegenreformation waren streng, und was die drei Frauen taten, um durchzukommen, brachte sie in Reichweite des Gerichts.

Katharina Schwerzin und der Münchner Hexenprozess

Am 12. September 1615 wird Bärbl nach einem Selbstmordversuch festgenommen. Vor dem Stadtrat erklärt sie, sie sei vom Teufel besessen, und zeigt ihre Mutter und ihre Schwester an. Im Dezember beschließt der Stadtrat, alle drei hinzurichten. Der Prozess zieht sich, immer wieder Folter, immer wieder Widerruf. Am letzten Gerichtstag nehmen Katharina und Bärbl alles zurück. Nur Elsl bleibt dabei, eine Hexe zu sein.

Das Gericht hält am Ende sämtliche Aussagen für erlogen. Katharina kommt frei und wird von der Stadt versorgt, Bärbl auf Kosten der Stadt in ein Spital gebracht. Elsl wird am 8. November 1616 hingerichtet. Niemand glaubte ihr.

Dreh dich um und schau am gelben Haus nach oben. Zwischen den Fenstern steht eine Madonna, und ihr Blick geht über die Straße, dorthin, wo heute das Becken steht.

Acht Speichen hat das Rad. Ich habe sie nachgezählt, wie ich Speichen immer nachzähle. Acht ist die Teilung des Jahresrads, acht Stationen, ein Kreislauf ohne erkennbaren Anfang, und es ist die Zahl, die mir vom Rad des Schicksals im Tarot vertraut ist. Fortunas Rad gehört zu den beharrlichsten Bildern, die das Mittelalter hinterlassen hat: Oben sitzt einer, unten liegt einer, und die Bewegung fragt nicht.

Das Rad des Schicksals in der Hackenstraße

Auch das Wort Glück meinte damals etwas anderes als heute. Nicht den Zustand, den alle erreichen wollen, sondern den Ausgang einer Sache, die auch anders hätte enden können. Der Glücksritter hat es aufbewahrt, und wer Glück gehabt hat, hat es nicht angestrebt. In diesem Sinn hatte Katharina Schwerzin Glück. Elf Monate lag zwischen dem beschlossenen Urteil und dem Tag, an dem sie lebend hinausging. Ihre Tochter ging nicht.

Wer dreht das Rad? An diesem Brunnen kann ich hinschauen. Es ist ein Kopf aus Stein mit einem schiefen Hut, dem jemand ein Röhrchen in den Mund gesetzt hat, damit der Strahl die Schaufeln trifft. Ein Kopf auf einem Schaft heißt in der Kunstgeschichte Herme, und die antike Herme stand an Wegen und Grenzen. Wir stehen hier in einem Knick, an dem die Straße die Richtung wechselt. Ob Rauch daran gedacht hat, weiß ich nicht.

Was der Kopf tut, ist jedenfalls kein Halten und kein Lenken. Er gibt Wasser her, aus dem Mund, wie beim Sprechen oder Ausatmen, und was er hergibt, bleibt nicht bei ihm. Ich kann darin einen sehen, der die Bewegung in Gang hält, ohne zu wissen, wohin sie läuft. Ich kann auch das Wasser als das nehmen, was in mir strömt, und dann treibt mein eigenes Gefühlsleben das Rad, auf dem ich sitze.

Die Achse sehe ich nicht. Sie muss da sein, sonst würde sich nichts drehen, aber der Schaft steht davor. Ich sehe nur die Bewegung, und dass sie nicht aufhört.

Über die Vorderseite des Schafts zieht sich eine braune Spur nach unten bis auf die Steinkugel darunter. So lange nimmt das Wasser schon denselben Weg.