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Engel und Teufel an der Michaelskirche

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Im Jahr 1615 erlebt München seinen Höhepunkt der Hexenjagd, durch den Jesuiten Jeremias Drexel, der von Kurfürst Maximilian I als Hofprediger nach München berufen wurde. Von der Kanzel der Michaelskirche in der Neuhauserstraße forderte er die Menschen auf, gegen die „vermaledeiten Weiber“ vorzugehen. 200 Frauen und Mädchen wurden daraufhin als Hexen verhaftet, gefoltert und verbrannt.

Warnung vor der Frau

Noch heute entdecken wir bei genauerer Betrachtung die Spuren dieser unmenschlichen Denkweise an der Fassade der Michaelskirche in der Neuhauser Straße. Wer sich die vor güldenem Hintergrund aufbauende Figurengruppe des Erzengel Michael samt bezwungenem Satan genauer betrachtet, wird feststellen, dass der Teufel weibliche Brüste hat!

Die Botschaft ist klar: Das Böse ist durch die Frauen in die Welt gekommen, denn diese sind im Glauben schwach und dadurch für die Einflüsterungen Satans empfänglicher. Die Jesuitenkirche wurde deshalb so gebaut, dass sie entgegen der Gepflogenheit Kirchen nach Osten auszurichten, mit der Schauseite zur Straße zeigen konnte. Jeder – und jede -, die hier vorbeiging, sollte sich dieses Umstands als Warnung bewusst werden.

Der Teufel an der Michaelskirche

Schmerzverzerrt ist sein mit spitzen Zähnen versehener Mund aufgerissen, das hässliche Gesicht wendet sich ergeben ab. Die rechte Krallenhand greift in einem letzten geschwächten Versuch an die Lanze, die sich an seinen Hals bohrt. Sein linkes Bein ist das eines Pferdes; eine Schlange klemmt darunter. Es ist die furchteinflößende Figur des personifizierten Bösen an der Michaelskirche, die sich seinem Namensgeber, dem Erzengel Michael, im Kampf ergibt. Mit prachtvoll ausgebreiteten Flügeln steht er siegessicher über ihm, als er dem Bösen den Todesstoß versetzt.

Nichts als der wahre Glaube!

Was genau soll dieses Bild an der Fassade der Michaelskirche darstellen und worin liegt das Geheimnis der ehemaligen Bedeutung dieser besonderen Kirche?

Wir befinden uns im Jahr 1517. Martin Luther läutet die Reformation ein, und ein Riss geht durch die Kirche: Protestanten und Katholiken stehen sich als Feinde gegenüber. Alle Landesfürsten hatten zu entscheiden, auf welcher Glaubensseite sie stehen wollten. 1579 trat Wilhelm V. die Herrschaft über Bayern an – ein streng gläubiger Katholik. Daher wurde er auch „Wilhelm der Fromme” genannt. Für ihn war also klar, auf welcher Seite München zu stehen hatte!

In jener Zeit verbreitete sich auch der Orden der Jesuiten, der sich, wie andere Bruderschaften auch, Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam verpflichtete, zudem aber auch eine unbedingte Papsttreue versprach. Ihre Mission war es, den katholischen Glauben durch Bildung unter die Bevölkerung zu bringen. Bald unterrichteten sie sogar die Söhne der Wittelsbacher. Wilhelm sah in ihnen Verbündete und ließ für sie mitten in der Stadt eine imposante Kirche bauen: die größte Renaissance-Kirche mit Tonnengewölbe nördlich der Alpen – die Michaelskirche.

Der Sturz aus himmlischen Höhen

Wilhelm benannte die Kirche nach einem der vier Erzengel. Michael ist in der Bibel bekannt als der „Seelenwäger“, also als der, der die Herzen und Seelen der Menschen wiegt, wenn sie an die Himmelspforte klopfen, und der abwägt, ob sie gute Menschen gewesen sind und ins Himmelreich eintreten dürfen. Michael unterscheidet also zwischen Gut und Böse, und: er richtet über das Böse. Als Satanel, ursprünglich auch ein Engel, sich seiner Schönheit wegen in Eitelkeit vergaß und gegen Gott erhoben hat, musste Michael ihn aus dem Himmel verweisen, bekannt als der „Himmelsturz“ Satanaels, durch den er zu Satan wurde. Auch in der Offenbarung, wenn die letzten Tage der Welt angeblichen sind, wird Michael wieder gegen Satan antreten:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. (…) Und es wurde hinaus geworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen (…).“ (Offenbarung, Kap. 12, Vers 7ff)

Der Teufel – mehr als nur das Böse

An der Fassade der Kirche sieht man den Erzengel Michael nun in besagter kämpfender Pose, dabei, das Böse, das Verführende zu besiegen. Und was meint „das Böse“, hier, an der Michaelskirche, der „steingewordenen Manifestation des katholischen Glaubens“? Es ist der gefürchtete Abfall vom rechten Glauben, dem Katholizismus. So heftig es klingt also: das personifizierte, zu bekämpfende Böse, in Gestalt des Teufels, ist hier der Protestantismus.

Wer aber nun in der Bibel nach der Stelle sucht, an der Satan auf genau diese Weise beschrieben würde, der wird dies vergebens tun. Hörner, Fratze, Bocks- oder Pferdefüße – nirgends wird der Teufel auf diese Weise dargestellt. Dagegen ähnelt dieses Bild frappierend den Satyrn oder Faunen, wie sie aus der Antike bekannt waren, Naturgeistern also, die wild und zügellos durch die Wiesen und Wälder streifen, um dem Land Fruchtbarkeit zu bringen. Damit schlugen die Jesuiten noch eine weitere Fliege mit dieser Klappe: Sie zeigten der Bevölkerung, dass das Böse sich gerne in der Gestalt dieser Naturgeister zeige – jene Geister, die die Menschen heimlich zu Zauberzwecken anriefen.

Die Botschaft der Michaelskirche

Wilhelm ließ die Michaelskirche an die prominente und viel besuchte Kaufingerstraße bauen, damit alle Passanten beim Anblick des kämpfenden Michaels gleich wussten, was es in München in Glaubensfragen geschlagen hatte. Dazu musste er sich eine Sondergenehmigung in Rom einholen, denn entgegen dem Brauch ist die Kirche nicht geostet (eigentlich soll der Betende sich in die Himmelsrichtung wenden, in der die Sonne aufgeht, als Sinnbild für die Auferstehung Christi), sondern nach Norden gerichtet – ausgerechnet in die Richtung, in der das Böse zu Hause sein soll …

In dieser Kirche fanden später Wilhelm und seine Gemahlin, künftige Herrscher der Wittelsbacher und auch Ludwig II ihre letzte Ruhe.

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Christopher Weidner

AutorIn des Beitrags

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