Um 1900 war Schwabing weit mehr als ein Künstlerviertel. Dichter und Maler, Lebensreformer und Geistesforscher suchten hier nach neuen Formen des Lebens – und nach einer Wirklichkeit jenseits des Sichtbaren. Zwischen prachtvollen Villen, versteckten Schlösschen und herrschaftlichen Mietshäusern entstand ein geistiges Versuchslabor, in dem Kunst, Mystik und Wissenschaft eigentümliche Verbindungen eingingen.
Unsere Tour beginnt bei St. Sylvester, der alten Dorfkirche Schwabings. Von hier führt eine heute kaum noch wahrnehmbare Achse bis nach Nymphenburg. Welche Idee verbirgt sich hinter dieser Verbindung – und warum lässt sich das Schloss sogar als steinerner Kalender lesen?
Am Englischen Garten zeigt sich, dass selbst eine scheinbar natürliche Landschaft das Werk einer ausgeklügelten Inszenierung sein kann. In den angrenzenden Straßen folgen wir den Spuren Alfred Kubins und Frank Wedekinds: Künstlern, die hinter die bürgerliche Fassade ihrer Zeit blickten und dabei Traumwelten, Abgründe und verbotene Gedanken ans Licht holten.
Im verborgenen Schloss Suresnes führen goldgerahmte Spiegel in die Welt der Alchemie. Hier geht es um einen prachtliebenden Kurfürsten, einen geheimnisvollen Goldmacher und das Versprechen, gewöhnliche Materie in etwas Kostbares zu verwandeln. Doch was geschah, als sich Hoffnung, Täuschung und das heiße Verlangen nach Gold miteinander vermischten?
An der Seidlvilla entschlüsseln wir die Symbolsprache des Jugendstils. Der Pfau wird dabei zum Sinnbild einer Epoche, die sich nach Schönheit und geistiger Verwandlung sehnte – und zugleich der Verlockung erlag, sich von der gewöhnlichen Welt abzuwenden.
Weiter führt die Tour zu Rudolf Steiners Münchner Plänen für einen geheimnisvollen Tempelbau und zu den spiritistischen Experimenten des „Geisterbarons“ Albert von Schrenck-Notzing. Selbst Thomas Mann nahm an einer seiner Séancen teil. Was er dort wahrzunehmen glaubte, ließ sich weder leicht erklären noch einfach vergessen.
In der Ainmiller- und Römerstraße verdichten sich schließlich die Spuren von Dichtern, Malern, Alchemisten und verschworenen Künstlerkreisen. Kandinsky, Rilke, Meyrink, Alexander von Bernus und Stefan George suchten auf sehr unterschiedliche Weise nach einer unsichtbaren Ordnung hinter der Welt. Manche dieser Ideen eröffneten neue Wege in die Moderne, andere führten in bedenklich dunkle Richtungen.
Ein Spaziergang durch das Schwabing der Traumreiche und Geheimbünde, der Symbole und Séancen – und zu der Frage, wo geistige Suche endet und Verführung beginnt.



