Steinerne Gestalten blicken, kämpfen, schlafen und leiden – und das seit mehr als zweitausend Jahren. In den Sälen der Glyptothek stehen die Götter und Helden der Antike scheinbar reglos vor dir. Doch hinter dem Marmor wartet eine Welt voller Leidenschaft, Macht und Schicksal.
Die Glyptothek wurde im Auftrag König Ludwigs I. errichtet. Seine Begeisterung für das alte Griechenland sollte München in ein neues „Athen an der Isar“ verwandeln. Dafür ließ er einige der bedeutendsten griechischen und römischen Skulpturen seiner Zeit zusammentragen. Bis heute wirken sie in den von Leo von Klenze geschaffenen Sälen wie Bewohner eines steinernen Götterreiches.
Auf dieser Führung folgst du ausgewählten Meisterwerken von der archaischen Zeit bis in die römische Epoche. Das rätselhafte Lächeln des Kouros von Tenea erzählt von einer Zeit, in der die Menschen ihren Göttern noch auf andere Weise gegenüberstanden. Der Barberinische Faun schläft so tief, als sei er in eine fremde Welt entrückt. Und die Medusa Rondanini erinnert daran, dass selbst ein schreckliches Ungeheuer einmal eine andere Geschichte besessen haben könnte.
Dabei lernst du die Götter nicht nur als Figuren einer vergangenen Religion kennen. Zeus, Athena, Dionysos, Aphrodite und Apollo verkörpern Kräfte, die auch das menschliche Leben bestimmen: Herrschaft und Weisheit, Rausch und Verlangen, Schönheit und Erkenntnis. Ihre Mythen berichten von Grenzüberschreitungen, folgenreichen Entscheidungen und dem hohen Preis, den Menschen zahlen, wenn sie den Unsterblichen zu nahe kommen.
Ein besonderer Höhepunkt sind die Giebelfiguren des Aphaiatempels von Ägina. Zwischen gefallenen Kriegern, gespannten Bögen und der über allem wachenden Göttin Athena entfaltet sich ein steinernes Drama um Krieg, Heldentum und den Untergang Trojas. Welche Geschichte die Figuren miteinander verbindet, zeigt sich erst beim genauen Blick auf ihre Haltung und ihre Stellung im Geschehen.
So führt dich dein Weg durch die Glyptothek nicht nur durch die Kunstgeschichte, sondern mitten hinein in die Vorstellungswelt der Antike. Die alten Mythen stellen die großen Fragen des Lebens: Was unterscheidet einen Helden von einem Ungeheuer? Kann ein Mensch seinem Schicksal entkommen? Und weshalb sind ausgerechnet die unsterblichen Götter den Menschen oft so erstaunlich ähnlich?



