23 // Engel der Verkündigung

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(23) Der ENGEL DER VERKÜNDIGUNG an der Frauenkirche

Als Bau der späten Gotik gibt es an und in der Frauenkirche bei weitem nicht so viele Engel wie in ihren barocken Schwestern in München. Überhaupt ist unsere Kathedrale eher schmucklos und besticht weit mehr durch ihr Raumgefühl als durch das Dekor.

Doch um einen ganz besonderen Engel am Dom zu unserer lieben Frau zu finden, musst du noch nicht einmal in die Kirche hinein gehen. Du findest ihn am südöstlichen Portal des Gebäudes, das auffällig geschmückt ist im Gegensatz zu den drei weiteren Seiteneingängen. Es ist in der Tat das einzige, dass einen so ausgeprägte Gestaltung aufweist – denn es diente einem ganz besonderen Zweck: es war das Brautportal, unter dessen Bogen damals die Ehen geschlossen wurden, gewissermaßen im Angesicht der versammelten Gemeinde und der ganzen Stadt.

Auf der linken Seite entdecken wir einen Engel mit großen Flügeln, der einen Stab in der Hand hält, der sich bei näherer Betrachtung als ein Lilienstengen herausstellt. Es ist der Erzengel Gabriel, der Engel der Verkündigung. Und die, der er die frohe Botschaft zu verkünden hat, ist auf der anderen Seite des Bogens zu finden: Maria. Sie lauscht der Botschaft des Engels, der ihr voraussagt, dass sie die Auserwählte ist, den Heiland zur Welt zu bringen.

Gabriel ist der Prototyp des Engels, des Angelos, was so viel wie “Botschafter” bedeutet. Engel übermitteln uns Botschaften. Sie sind die Vermittler zwischen Mensch und Gott und Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, oben und unten, wenn man so will. Ihre Botschaften zeigen uns, dass wir mit unserem Leben in einen höheren Zusammenhang eingebettet sind. Dieser reicht weit über unser individuelles Wollen und Walten hinaus. Früher hätte man dies Schicksal genannt – ein Wort das aus der Mode gekommen ist. Dabei meint es nichts anderes, als das Dinge geschehen können, die sich außerhalb des Zugriffs unseres Bewusstseins abspielen können. Wie zum Beispiel Wunder.

Für ein Wunder musst du nichts zu tun, es kann nicht erzeugt werden. Wir können es auch nicht fordern. Es kommt einfach zu uns. Wir müssen noch nicht einmal besonders fromm und gläubig sein, wie uns zahlreiche Legenden zeigen. Wir müssen uns nur bereit finden, dem Leben zu vertrauen. In diesem Vertrauen hören wir auf, unser Leben zwanghaft nach unserem Willen zu gestalten, sondern anerkennen, dass in uns etwas Höheres zum Ausdruck kommen kann – wenn wir unser Ego für einen Augenblick zurückstecken.

Dieser Augenblick ist der Augenblick der Wahrheit. Wir spüren, dass wir Teil eines Planes sind. Und dass nur wir berufen sind, diesen Teil auch auszufüllen.

Engel-Impuls an diesem Ort

Es ist merkwürdig: Aber je weniger wir versuchen, unserem Leben irgendeinen Sinn zu geben, umso mehr offenbart sich, dass der Sinn schon von Anfang an da war – und dass wir gar nicht anders können, als dem Ruf des Engels, der schon an unserer Wiege stand, zu folgen.

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