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Rätsel der Wiesnzeit: Die Wahrheit über Dirndl und Lederhose

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Die Wiesn und das Dirndl

Es ist wieder soweit. Seit einem Jahr habe ich es nicht vom Bügel genommen und jetzt darf es wieder ausgeführt werden: Mein Dirndl. Beziehungsweise: Meine Dirndl. Wie bestimmt bei jeder Münchnerin nimmt mehr als ein Dirndl Platz in meinem Schrank ein: Zwei traditionelle Waschdirndl aus Baumwollstoff, eines noch von meiner Großmutter, eines selbstgenäht, und ein festlicheres aus einem Seidenstoff. Ich wähle das rote meiner Großmutter für meinen ersten diesjährigen Wiesn-Besuch, schließe die silbernen Knöpfe und binde die Schürze – doch welche Seite der Schleife bedeutet nochmal welchen Beziehungsstatus?

Dirndlregeln?

Ziemlicher Schmarrn, die Regel mit der je nach Beziehungsstatus gesetzten Schleife, sagt der Trachtenverein Miesbach. Ledige Frauen seien früher eh anders als verheiratete Frauen gekleidet gewesen. Unverheiratete Frauen hatten demnach meist eine Haube auf. Der Brauch, wer die Schleife rechts trägt, sei verlobt oder verheiratet, wer sie links bindet, nicht vergeben, ist also ein modernes Spiel, das sich eingeschlichen hat. Einig sind sich aber auch die Trachtenvereine bei folgender Regel. Stellt man einen Maßkrug vor ein Mädchen, sollte der Saum des Dirndlgewandes den Rand des Kruges berühren – kürzer sollte es nicht sein!

Vom praktischen Gwand zur Landmode

„Dirndl“ ist die Verkleinerungsform von „Dirn“, was so viel wie junges Mädchen bedeutet. Dirn wurden auch die Mädchen und Frauen genannt, die in der Landwirtschaft als Magd, Dienstbotin oder Hausmädchen beschäftigt waren. Ihre Kleidung musste hauptsächlich praktisch und bequem sein, damit die Frauen die Mistgabel stemmen oder den Besen schwingen konnten. Was heute Dirndl heißt, war sicherlich nicht im Kleiderschrank der Bäuerin oder der Dienstmagd zu finden, auch wenn das viele gerne glauben möchten.

Die Wahrheit über Dirndl und Lederhose

Tracht und Tradition – das gehört für viele heute unverrückbar zusammen. Und wer auf die Wiesn geht, dabei Dirndl und Lederhose überzieht, fühlt sich gleich fest verwurzelt. Von gelebter Tradition ist die Rede, von lebendigem Brauchtum. Doch die Wahrheit ist eine andere: das, was wir heute Tracht nennen, ist nicht viele Hunderte Jahre alt – es ist eine Erfindung des 19. Jahrhundert. Und das kam so:

Eintracht durch Tracht

Als Bayern 1806 Königreich wurde und seinen Umfang dabei verdoppelte, suchte das frisch gebackene Königshaus Wittelsbach nach einer gemeinsamen Symbolsprache für die doch recht unterschiedlichen Untertanen – Schwaben und Franken gehörten schließlich ab sofort auch dazu. Die geniale Idee: Die Tracht sollte es richten und ein Gemeinschaftsgefühl propagieren.

Schon beim ersten Oktoberfest erschienen Kinder in Trachten, die die verschiedenen Landesteile verkörpern sollten. Da es aber keine Vorlagen dafür gab, mussten diese erfunden werden! Die Besucher der Oktoberfestes hingegen trugen weiterhin keine Trachten. Man machte sich zwar fein, aber orientierte sich dabei an der üblichen städtischen Mode.

Auch auf dem Land selbst blieb alles beim Alten. Eine Uniform, wie sie die Tracht verkörpern sollte, war für den Hausgebrauch verpönt. Die Politik der Wittelsbacher aber sah vor, sich noch deutlicher vom Kaiserreich abzugrenzen und förderte weiterhin die Nationaltracht, um so ein nach außen sichtbares Markenzeichen für das Königreich zu setzen.

Die typische Berchtesgadener Tracht beispielsweise wurde extra für den Prinzregenten konstruiert, damit es schön ordentlich aussieht, wenn er vorbeischaute.

Zum Beispiel: Die Lederhose

Sie gilt als DAS Paradebeispiel bayrischer Tradition – und ist doch bis ins späte 19. Jahrhundert bei der einfachen Landbevölkerung so gut wie gar nicht zu finden. Kein Wunder, konnte sich zum Einen doch niemand das unglaublich teure Hirschleder leisten, zum Anderen wären sie bei der herkömmlichen Arbeit eher unbequem gewesen. Nur auf der Jagd war es sinnvoll, eine Hose aus Leder zu tragen, denn sie schützte gegen Verletzungen im Unterholz und gegen Kälte.

1883 kam die Wende – in Bayrischzell gründete sich der erste Trachtenverein und dieser beschloss, dass die Lederhose von nun an das Merkmal der dortigen Tracht sei. Es wurden Regeln aufgestellt und Uniformen für die einzelnen Gegenden entwickelt. Und weil die Wittelsbacher dies ordentlich förderten, schossen überall im Lande Trachtenvereine wie Pilze aus dem Boden.

Als dann die ersten Herren sonntags in Tracht in die Kirche wollten, wurde ihnen kurzerhand der Zugang verwehrt! Denn die typische Lederhose zeigte das bloße Knie, und das galt als Affront.

Sommerfrischer Alpenschick

Dann kam der Tourismus in die Berge. Immer mehr Städter sehnten sich nach dem angeblich unberührten Leben am Busen der Natur. Die Sommerfrischler überrannten die Dörfer und schufen so einen neuen recht einträglichen Erwerbszweig für die Landbevölkerung. Diese erkannte bald, dass es förderlich war, den Erwartungen der Städter möglichst zu entsprechen. Und diese erwarteten die angeblich so typischen Trachten zu sehen. Mehr noch: man wollte selbst Teil der ländlichen Idylle sein. Und so schneiderten bald verkaufstüchtige Näherinnen ein Sommerfrischekostüm für die modebewusste Urlauberin: das Dirndl – Freizeitkleidung mit Alpenschick.

Die Geburtsstunde des Dirndls schlägt in München!

Im Jahr 1900 schlug dann die Geburtsstunde des Dirndls, wie wir es kennen: die aus Westfalen zugewanderten jüdischen Brüder Wallach gründeten in München ein Geschäft, in dem sie sich auf Volkskunst spezialisierten und entsprechende Mode verkauften. Das Stammhaus in der Residenzstraße 3, am so genannten Falkeneck, bestand noch bis 2004 und galt als die Topadresse. Die Wallachs machten das Dirndl endgültig zum Kultobjekt. Nun tragen die Damen aus der Stadt, was sie für ländlich halten – und die Landfrauen tragen das, was den Städterinnen gefällt! Die Dirndlmode kehrt an ihren vermeintlichen Ursprung zurück.

Ende der 20er Jahre wird die Tracht vom rechten Rand der Politik aufgegriffen und zum Kennzeichen der nationalen Identität stilisiert. Unterm Hakenkreuz werden Lederhose und Dirndl sogar zum Vorbild für die Fantasie einer wie auch immer gearteten “urdeutschen Tracht”! Nach dem Krieg kamen dann die Amerikaner nach Bayern, um dort Urlaub zu machen – und auch sie wollten das sehen, was man ihnen in den Prospekten als “typisch bayrisch” versprach. So feierte die Tracht weiterhin ihren Siegeszug.

Der Ruch des Konservativen verduftet

Dennoch behielt sie bis in die 90er Jahre hinein den Ruch des Konservativen, Altbackenen, ja Reaktionären. Entsprechend zeigte man sich als aufgeklärter, liberaler Münchner in der Regel nicht in Tracht auf der Wiesn.

Erst eine Generation, deren Eltern nicht mehr einem konservativen Feindbild entsprachen, gegen das man sich abzugrenzen hatte, konnte wieder unbefangen mit Dirndl und Lederhose umgehen – und so feierte die Tracht in den 2000er Jahren eine neue Blüte – und wird wieder zu dem, was sie immer schon war: eine Spielart der Mode.

Während ich noch immer knöpfe, binde und zupfe, stelle ich fest, dass die Idee der Bequemlichkeit und Bewegungsfreiheit des Dirndls wohl im Laufe der Zeit einiges eingebüßt hat. Den Maßkrug-Check bestehe ich, Verzierungen gibt es an meinem alten Dirndl noch wenige, auch der Stoff ist schlicht. Den Schleifen-Brauch ignoriere ich – echte Münchner teilen das Wissen des Trachtenvereins – und quetsche mich in die mit den variantenreichsten Dirndln bekleideten Frauen überfüllte U-Bahn auf dem Weg zur Festwiese.

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Cathérine Fischer

AutorIn des Beitrags

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