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Mysterien des Nymphenburger Schlossparks

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Die Sommerresidenz der Wittelsbacher

Der Schlosspark Nymphenburg ist ein Juwel der europäischen Gartenkunst. Hinter der Sommerresidenz der Wittelsbacher erstreckt sich dieser Park auf einer Fläche von 180 Hektar bis zu den Gartenmauern. Dabei fing alles recht beschaulich an. Als 1662 Henriette Adelaide von Savoyen den lang ersehnten Thronfolger Max Emanuel zur Welt brachte, schenkte der überglückliche Gemahl Kurfürst Ferdinand Maria seiner Gattin ein Grundstück nordwestlich von München, damals noch zwischen Feldern und Wäldern gelegen. Henriette Adelaide baute sich dort ein kleines Schloss, das sie der Überlieferung nach „borgo delle ninfe“ nannte – das „Dorf der Nymphen“. Daraus entwickelte sich unser heutiges Nymphenburg.

Zufluchtsort für Nymphen

Schon im Namen spüren wir, worum es der kunstbeflissenen Fürstin ging: einen Zufluchtsort zu schaffen, an dem sich die Geister der Natur wohl fühlen, die man sich seit der Antike als Nymphen vorstellte, wohltätige weibliche Wesen, die im Schatten von Bäumen ruhen, über Blumenwiesen tanzen oder sich an glitzernden Quellen vergnügen. Zu Ehren dieser guten Geister der Natur schuf Henriette Adelaide eine kleine, aber feine barocke Gartenanlage. Von dieser ist heute nichts mehr übriggeblieben, denn als Anfang des 18. Jahrhunderts Max Emanuel sich für das Schloss seiner Mutter zu interessieren begann, erweiterte er die Anlage beträchtlich, vergrößerte nicht nur das Schloss selbst, sondern schuf nach dem Vorbild von Versailles eine monumentale barocke Gartenanlage. Im Zuge dieser Erweiterung entstanden auch die ersten drei der vier Parkburgen.

Eine mystisches Arkadien

Doch auch dieser im Stil der Zeit in strenger Geometrie durchgestaltete Garten musste einer neuen Mode weichen. Wollte man im Barock noch demonstrieren, dass der Geist die Materie bezwingt und sich daher Natur dem Formwillen des Menschen zu unterwerfen habe, entwickelte sich im Zuge der Aufklärung ein völlig gegensätzliches Ideal der Gartenbaukunst: „Zurück zur Natur!“ Gärten wurden nun so gestaltet, dass sie die Natur zum Vorbild hatten, sie sollten dem menschlichen Auge wie eine mystische Naturlandschaft erscheinen, ein mythisches Arkadien.

Auch der Nymphenburger Schlosspark wurde im Stile des so genannte „englischen Gartens“ umgestaltet. Als Meister seines Fachs wurde Ludwig Sckell von Kurfürst Max IV. Joseph, dem späteren ersten König Bayerns Max I. Joseph, damit beauftragt, die Barockanlage in einen Landschaftsgarten zu verwandeln. Sckell machte sich ans Werk, doch er vernichtete nicht einfach die barocke Idee des ursprünglichen Parks, sondern er transformierte sie behutsam. So sind bis heute die schnurgerade Mittelachse mit dem Mittelkanal erhalten. Auch die vom Schloss ausgehenden Diagonalachsen sind nicht verschwunden, sondern erstrecken sich als Durchblicke über geschwungene grüne Wiesen und blaue Seen bis zum Horizont.

Das Wesen der Landschaft

„Alles scheint Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt“, an diesem Ausspruch des Philosophen Christian Hirschfeld orientierte sich Sckell, der die Kunst des englischen Gartens in England selbst studierte und bereits an der Gestaltung unseres Englischen Gartens in München maßgeblich beteiligt war. Dabei bediente er sich einer einzigartigen Methode: Mit einem mannshohen Zeichenstab, dessen untere Spitze mit Metall verstärkt war, ritzte er im Gehen die Konturen des Gartens in den Boden. Dabei schritt er zügig und aufrecht voran, den Blick nach vorne, in die unbestimmte Ferne gerichtet. Den Stab, den er seitlich mit beiden Händen hielt, schleifte er dabei hinter sich her. Auf diese Weise ließ er sich bei der Gestaltung des Gartens vom Gelände selbst leiten, indem er „mit starken Schritten der schönen Wellen-Linie nach(folgt), die ihm seine geübte Einbildungskraft vorgibt, und gleichsam vor ihm herschweben lässt“.

Nicht das Reißbrett stand also im Vordergrund, sondern die sinnliche Erfahrung der Landschaft selbst. Sckell folgte den unsichtbaren Linien, die in der Landschaft verborgen sind und sich demjenigen offenbaren, der sich fühlend auf die Natur einlässt. Der geniale Gartenarchitekt arbeitete nicht an der Natur, sondern mit der Natur. Man könnte auch sagen: Er verband sich geistig mit dem Wesen der Landschaft.

Den Göttern zu Ehren

Nicht nur auf der Grundlage dieser ungewöhnlichen Vorgehensweise schuf Sckell den Park, auch sein Wissen um Pflanzen und ihre Bedeutung floss in die Landschaft ein. Er kannte die Zuordnungen der Bäume zu den Göttern der Antike, beispielsweise die Zuordnung der Eiche zum Göttervater Jupiter, des Lorbeerbaumes zum Sonnengott Apoll, der Fichte zur Erdgöttin Kybele, der Linde zur Liebesgöttin Venus. Er sorgte dafür, dass die Bäume an Orten gepflanzt wurden, die ihrer Bedeutung entsprachen. Auch die Lage der Bauten im Park, zum Beispiel der Apollotempel, wurden darauf abgestimmt. Die Götter und ihr Gefolge, Nymphen und Faune, sollten sich hier wie zu Hause fühlen.

Geheimes Wissen

All dies wissen die meisten Menschen, die den Nymphenburger Schlosspark besuchen, heute nicht mehr, aber sie können es spüren. Denn das war das Ziel: Nicht einen Lehrgarten für Mythologie zu errichten, sondern eine Landschaft zu erschaffen, in der dieses geheime Wissen so eingewoben ist, dass es das Bewusstsein des Menschen von ganz alleine erreicht, wenn er auf den Wegen durch den Park flaniert. Mit jedem Schritt nimmt er gewissermaßen die versteckte Botschaft in sich auf, die in den Garten hineinkomponiert wurde. Indem er den Schwingungen der Pfade durch lichte Haine, dunkle Wälder, über Brücken und Hügel, vorbei an stillen Gewässern und plätschernden Bächen, über Wiesen und Täler folgt, öffnet sich sein Bewusstsein ganz von selbst der allem innewohnenden Mystik.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Erfahrung ist das Spiel von Licht und Schatten, von Sichtachsen, die plötzlich einen Blick auf das Schloss oder andere Blickpunkte freigeben, dann wieder im Vorbeigehen verschwinden, weil sich eine Baumreihe wie ein Vorhang vor sie schiebt, um dann plötzlich wieder aufzutauchen und eine völlig andere, spektakuläre Perspektive zu eröffnen. Die Landschaft wird zu einer Reihe von Szenen, die wir durchschreiten und die unsere Seele berühren.

Auf Pfaden der Einweihung

Dahinter ist sogar ein Programm zu vermuten. Es ging nicht nur darum, den Menschen in einem rein ästhetischen Sinne zu erbauen, sondern ihn in ein höheres Wissen einzuweihen. Dass der Impuls zur Umgestaltung des Nymphenburgers Schlossparks von Max IV. Joseph ausging, mag da eine gewisse Rolle gespielt haben, denn der spätere erste König von Bayern war – Freimaurer! Dass die Idee des englischen Gartens von der Gedankenwelt dieser Geheimgesellschaft geprägt war, belegen viele Einweihungsgärten, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Auch wenn es keinen eindeutigen Beleg dafür gibt, so steht auch der Schlosspark deutlich in der Tradition dieser Mysteriengärten und viele Elemente in seiner Gestaltung weisen darauf hin.

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Christopher Weidner

AutorIn des Beitrags

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