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Im Garten der Götter: Kronos und Kybele

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Nymphenburg – das Dorf der Nymphen

Der Schlosspark Nymphenburg ist ein Juwel der europäischen Gartenkunst. Hinter der Sommerresidenz der Wittelsbacher erstreckt sich dieser Park auf einer Fläche von 180 Hektar bis zu den Gartenmauern. Dabei fing alles recht beschaulich an. Als 1662 Henriette Adelaide von Savoyen den lang ersehnten Thronfolger Max Emanuel zur Welt brachte, schenkte der überglückliche Gemahl Kurfürst Ferdinand Maria seiner Gattin ein Grundstück nordwestlich von München, damals noch zwischen Feldern und Wäldern gelegen. Henriette Adelaide baute sich dort ein kleines Schloss, das sie der Überlieferung nach „borgo delle ninfe“ nannte – das „Dorf der Nymphen“. Daraus entwickelte sich unser heutiges Nymphenburg.

Antike Mythologie zur Erbauung

Gleich hinter dem Schloss beginnt eine der schönsten Landschaften, die von Menschenhand geschaffen wurden. In weiten Teilen nach den Kriterien der englischen Gartenkunst im 19. Jahrhundert umgestaltet, stoßen wir dennoch ganz unmittelbar auf die Erinnerung an die barocke Vergangenheit des Parks. Im Parterre reihen sich völlig symmetrisch, wie es der absolutistische Zeitgeist gebot, um gerade abgesteckte Rabatten zwölf Statuen. Es sind Darstellungen von Göttinnen und Göttern der antiken Mythologie.

Ihre Anordnung ist kein Zufall. So wird dem aufmerksamen Betrachter sicher nicht entgehen, dass sich stets eine männliche und weibliche Gottheit abwechseln und sich gegenüber stehen. Oft bilden sie schon in der Antike bekannte Götterpaare. Dann wieder ist ihr Zusammenhang nur dem offensichtlich, der ein wenig tiefer in die Mythologie eintaucht. Wollen wir uns die Figuren entlang des Mittelganges zuerst ansehen.

Kronos und Kybele

Gleich die ersten beiden Götter geben Rätsel auf. Der eine verschlingt gerade ein Kind, die andere ist ein uraltes Weib, deren Schönheit längst verblasst ist. Warum eröffnen ausgerechnet diese furchterregenden Gestalten den Reigen der Götter? Hätte man hier nicht einen angenehmeren Anblick erwartet, gleich zu Beginn einer Promenade durch den Park?

Es sind Saturn, griechisch Kronos, und Kybele. Der ausführende Künstler war, wie wir an den Sockeln der Figuren lesen, Giovanni Marchiori.

Saturn frisst seine Kinder

Kronos (Saturn) ist der Titan der Zeit, die unerbittlich voranschreitet und alles verschlingt. Nachdem er seinen Vater Ouranos entmannt und vom Thron gestoßen hatte, regierte er über die Welt im so genannten Goldenen Zeitalter. An seiner Seite war seine Schwester Rhea. Doch nach einer Prophezeiung sollte er selbst durch einen seiner Nachkommen zu Fall kommen. Aus Angst davor fraß er alle Kinder, die er mit Rhea hatte, gleich nach der Geburt auf: Hestia (Vesta), Demeter (Ceres), Hera (Juno), Hades (Pluto) und Poseidon (Neptun). Nur Zeus (Jupiter) konnte Rhea durch eine List vor diesem Schicksal bewahren. Sie versteckte ihn in einer Höhle auf Kreta und gab ihrem Gatten nur einen in Windeln geschlagenen Stein zum Fraß.

Zeus wuchs unbemerkt heran und es gelang ihm seinen Vater dazu zu bringen, seine Geschwister wieder auszuspeien. Kronos war überwunden und Zeus nahm nun seinen Platz ein: die Stunde der Olympier hatte geschlagen. Kronos wurde von Zeus überwältigt und man sagt, er habe ihn auf die Insel der Seligen gebracht, die Elysischen Gefilde am Rande der Welt. Darum herrsche dort noch immer das Goldene Zeitalter.

Kybele – die Große Mutter

Die Kybele kann auch als Gemahlin des Saturn, also als Rhea gedeutet werden, mit der sie gelegentlich gleich gesetzt wurde. So haben wir es mit zwei Titanen zu tun.

Die Titanin Rhea ist die Gemahlin des Kronos. Sie ist die Große Mutter, die Ahnherrin der Götter und verkörpert die weibliche Fruchtbarkeit. In ihr manifestiert sich ein Aspekt der Gaia, der Mutter Erde. In Darstellungen wird sie als eine mütterliche Frau abgebildet, die eine Türmchenkrone trägt und von Löwen begleitet wird, das ihr heilige Tier. Dadurch zeigt sie ihre Verwandtschaft mit der phrygischen Göttin Kybele, einer alten Muttergottheit. Die Weißtanne oder die Kiefer ist der ihr geweihte Baum.

Kybele, die Große Göttermutter, ist auf dem Berg Ida beheimatet. Zusammen mit ihrem Geliebten Attis stammt sie ursprünglich in Phrygien in Kleinasien. Doch fand ihr Kult später in Griechenland, Thrakien und Rom weite Verbreitung. Bis in die Spätantike fand der Mysterienkult im ganzen römischen Reich großen Anklang, ähnlich wie der Mithraskult.

Der Aufstieg der Muttergottes

Der Kult bestand auch noch eine Zeit neben dem Christentum fort, teilweise wurde er sogar von den weströmischen Kaisern wie Eugenius gefördert (neben dem allegmeinen Verbot heidnischer Kulte). Erst im fünften Jahrhundert verliert sich der Kult. Nachdem man ihn lange bekämpft hatte, kam es im Jahre 431 auf dem Konzil von Ephesus zu einer weitreichenden Entscheidung: Maria wurde zur Gottesgebärerin erklärt. Aus der Muttergöttin wurde eine Mutter Gottes. Die bei der Bevölkerung so beliebte Kybele wurde kurzerhand christianisiert – und ging in der Figur der Maria auf.

Schöpfung und Zerstörung

Was ist der Hintersinn, diese beiden Gestalten gleich am Eingang eines Lustgartens aufzustellen? Beide Götter verweisen auf die Zeit vor den olympischen Göttern, und damit auf eine Zeit vor der Ordnung, dem eigentlichen Kosmos. Trotz ihres schrecklichen Aussehens verkörpern sie die Kräfte der Schöpfung: Fruchtbarkeit (Kybele) und Zerstörung (Saturn). Kybele hat als Große Mutter, stützt sich auf eine Schaufel, hat eine Pflugschar neben sich und die Stadtmauerkrone verweist auf ihre Bedeutung als Landschaftsgöttin, in die so manche Siedlung eingebettet ist. Kronos (Saturn) wiederum ist zwar der grausame Gott, der seine eigenen Kinder frisst, aber er ist auch der Herrscher des Goldenen Zeitalters. So verbinden sich in seiner Gestalt auf eigentümliche Weise die größte Furcht wie auch die stärkste Hoffnung des Menschen.

Kronos und Kybele sind die Urkräfte des Universums: Wachstum und Auflösung, Verbundenheit und Getrenntsein, Liebe und Ordnung. Mit dem Verständnis dieser Urpolarität beginnt der Pfad durch den Garten der Götter …

Fortsetzung folgt …

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AutorIn des Beitrags

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