Die Isarnixe

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Die Isarnixe

Es war im Jahre 1487 als Herzog Albrecht anlässlich der Vermählung mit seiner Kunigunde ein rauschendes Fest ausrichten ließ, das viele Tage ging. Nicht nur die Mächtigen und Wichtigen kamen von Nah und Fern nach München, sondern auch allerhand Gaukler, Musikanten und Sänger, denn es galt die Gäste jeden Tag aufs Neue bei Speis und Trank mit Tanz und Musik zu unterhalten.

Unter den Spielleuten war ein junger Mann, der es wie kein anderer verstand, seiner Sackpfeife die zauberhaftesten Melodien zu entlocken. Wenn er aufspielte, lauschte das Publikum gebannt seinen wundervollen Weisen. Es war eine Freude, ihm zuzuhören.

Auch das Edelfräulein von Grünwald lauschte der Musik des Spielmanns Tag für Tag. Das bemerkte der junge Mann und spielte umso lieblicher und kunstvoller, wenn er die junge Frau erblickte, denn er hatte heimlich sein Herz an sie verloren.

Eines Tages traf man sich auf der Burg zu Grünwald, hoch über der rauschenden, wilden Isar. Während sich die anderen bei einer Jagd vergnügten, sah der Spielmann die Gelegenheit gekommen, der Angebeteten endlich seine Liebe zu gestehen. Erst spielte er ihr ein süßes Lied, dann kniete er vor ihr nieder und sprach: „Wertes Fräulein, euch allein soll mein Herz gehören – für immer!“

Die Edeldame fühlte sich zunächst geschmeichelt, doch dann verdüsterte sich ihre Miene, denn sie mochte zwar das Spiel des jungen Mannes, aber ihn selbst hielt sie für unter ihrer Würde. ‚Was bildet er sich ein? Er ist nur ein Spielmann!‘, dachte sie bei sich. Hochmütig antwortete sie: „Der Mann, dem ich mein Herz schenken soll, der muss bereit sein, sein Leben für mich aufs Spiel zu setzen!“

In der Hoffnung von der jungen Frau erhört zu werden, antwortete der Spielmann leichtfertig: „Ich würde alles für eure Liebe tun – sogar sterben!“
Da riss sich die Edeldame einer törichten Eingebung folgend ihr glitzerndes Geschmeide vom Hals und warf es mit einem spöttischen Gelächter hinab in den tosenden Fluss. Dann rief sie: „Dann bringt mir meine goldene Kette wieder! Nur dann will ich euch glauben.“

Wie von Sinnen stürzte sich der Jüngling in die Isar, die an dieser Stelle besonders gefährlich und reißend war. Dann verschwand er in den Fluten. Das herzlose Fräulein wartete. Doch vergebens. Die Wellen schlugen über ihm zusammen und er blieb verschwunden.

Drei Tage nach diesem tragischen Vorfall wurde das Edelfräulein auf einmal vermisst. Am Abend war sie noch zu Bett gegangen, am nächsten Morgen fand man es leer. Doch niemand hatte sie die Burg verlassen sehen. Als man sie suchen ging, hörte man immer wieder einen seltsamen, lockenden Ruf, der ganz unwirklich zu vernehmen war – mal näher, mal ferner, aber immer unerreichbar. Da ahnte man, dass die junge Frau, die den Spielmann mutwillig in den Tod geschickt hatte, zur Strafe verwünscht wäre und nun als geisterhafte Nixe ihr Unwesen in den Isarauen treiben müsse. Wer ihren Ruf hört, so erzählt man sich bis heute, den versucht sie in ihr nasses Grab zu locken. Besonders auf junge Männer hat sie es abgesehen. Diesen erscheint sie in Gestalt einer wunderschönen Frau, deren Haut in der Sonne verheißungsvoll glitzert, während sie ihr langes, silbrig grünes Haar auf einem Felsen sitzend kämmt.

Als die Flößer noch auf der Isar unterwegs waren, mussten sie auf ihrem Weg nach München auch durch das Land der Isarnixe. Um sich zu schützen verstopften sie sich die Ohren, um dem Sirenengesang der Nixe nicht zu verfallen. Manche beteten laut und trugen geweihte Gegenstände bei sich. Doch etliche Marterl an der Marienklause legen Zeugnis davon ab, dass es nicht jedem gelungen war, dem Ruf der Isarnixe zu entkommen …

Text: Christopher Weidner
Sprecher: Mario Max

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Christopher Weidner

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