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Das Nationaltheater – Quelle der Inspiration

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Wo Ordnung herrscht, ruft sie immer auch eine Gegenbewegung hervor. Gesetze, Regeln, Gewohnheiten mögen das soziale Leben aufrecht erhalten, doch sie verhindern zugleich auch die Weiterentwicklung einer Gemeinschaft, wenn starr an ihnen festgehalten wird. Strukturen sind nötig, um das Leben zu stabilisieren, doch wenn sie nur um ihrer selbst willen bestehen und den Anschluss an Wachstum und Veränderung verlieren, werden sie zur Last – und rufen Gegenkräfte auf den Plan, welche die Ordnung infrage stellen. Und genau darin begegnen wir dem Prinzip des Wassermann …

Der Kuss der Muse

Wenige Schritte von der Residenz entfernt, um nicht zu sagen in unmittelbarer Nachbarschaft, treffen wir auf den natürlichen Gegenpol des Steinbockprinzips – in Gestalt des Nationaltheaters. Kunst, vor allen Dingen die literarischen Künste und das Schauspiel, war schon immer das probate Mittel, um die Mächtigen im Lande infrage zu stellen – und nichts versuchen selbige schneller unter ihre Kontrolle zu bringen, als die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks.

Im unteren Giebel wird den geistigen Kräften der Kunst gedacht: Wir sehen den Gott Apollo, den Bewahrer der Künste, mit seiner Kithara und umringt von den neun Musen. Die Musen selbst sind ursprünglich Quellnymphen, gezeugt von Göttervater Zeus mit der Quellgöttin Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Das Bild der Quelle ist entscheidend für das Verständnis der Kunst, denn die Musen sind  die Quelle aller Inspiration und jeder Dichter ruft die Musen an, damit sie ihn küssen mögen – ihn inspirieren mögen. Inspiration – das könnte man mit “Einhauchen” übersetzen. Eigentlich ein luftiger Vorgang. Doch auch in unserem Wassermann, der oft mit einem Krug dargestellt wird, aus dem Wasser quillt, finden wir diese Dualität aus Wasser und Luft, ist er doch zwar Wassermann, aber astrologische dem Element Luft zugeordnet. Die Musen sind daher perfekte Entsprechungen für sein Prinzip.

Inspiration ist etwas, das wir nicht kontrollieren können. Wie lange muss ein Dichter nicht selten auf den Musenkuss warten! Er kann nicht erzwungen werden – er geschieht einfach, oder eben nicht. Künstlerisch tätige Menschen kennen das sehr gut. Es gibt keine Struktur, keine Regelung, keinen Weg, die Musen ins Leben zu rufen. Genau das kennzeichnet auch den Wassermann: Er wendet sich an höhere Prinzipien, im Bewusstsein nicht über sie herrschen zu können. Und selbst wenn ihn die Muse küsst, kann er nicht sagen, was daraus entstehen wird. Wahre Kunst unterscheidet sich wohl vor allen Dingen durch den ungeordneten Schöpfungsprozess, dem festgelegte Ziele eher fremd sind, vom Handwerk.

Der Huftritt des Pegasus

Der Wohnort der Musen ist der einen Überlieferung nach der dem Apollo heilige Berg Parnass. Dort besiegte Apollo die Schlange Python, dort strandete Deukalion, der Sohn des Prometheus, der einst die Ordnung der Götter infrage stellte und den Menschen das Feuer brachte, mit seiner Pyrrha nach der Sintflut. Einer anderen Überlieferung ist der Sitz der Musen der Berg Helikon. Dieser hat zwei Quellen: Aganippe und Hippokrene. Diese Quellen sind entstanden durch den Hufschlag des geflügelten Pferdes Pegasus. Im oberen Giebel des Nationaltheaters ist dieses Wunderwesen zu sehen, wie es aufsteigt, umgeben von schmetterlingsbeflügelten Nymphen, die zwei Quellkrüge halten. In seinem “Tristan” ruft Gottfried von Straßburg diesen Berg samt seiner Musen an:

“Mein flehentliches Gebet will ich erstmals senden aus vollem Herzen und mit gefalteten Händen zum Helikon, zu dem neunfältigen Thron, von dem die Quellen strömen, aus denen das Talent sprudelt für Sprache und Verstand. Der Hausherr und seine neun Damen, Apollo und die Kamönen, die neun Sirenen für die Ohren, die dort am Hofe diese Gaben verwalten und ihre Gunst austeilen und zumessen, wie sie sie der Welt zugestehen wollen, sie alle geben aus dem Brunnen ihres Geistes vielen Menschen so reichlich, daß sie mir einen Tropfen davon mit Anstand nicht verweigern können.”

Der Brunnen des Geistes – hier ist der Wassermann zuhause, der gerne über die Dinge nachdenkt und dabei die Chance sieht, das Bestehende zu verbessern. Seine große Stärke ist die Inspiration des Geistes, die es ihm erlaubt, auch Pfade abseits des Gewöhnlichen zu betreten. Innovation ist sein Thema.

Wunderwesen

Innovation entsteht oft dadurch, dass zwei Dinge, die scheinbar nicht zusammengehören, eine Symbiose eingehen – etwas Neues, vorher für unmöglich Gehaltenes, entsteht. Die Mischwesen der Antike entsprechen genau diesem Grundgedanke, zum Beispiel unser Pegasus, eine Mischung aus einem Pferd und einem Vogel. Er entsprang dem Blut der furchtbaren Gorgone Medusa, als sie von Perseus enthauptet wurde. So entsteht aus dem Schrecklichen etwas Wunderschönes. Auch diese ein Prinzip des Wassermanns – das Gute und das Böse sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Wassermann und Pegasus verbindet aber nicht mehr als der Gedanke der Quelle der Inspiration. Am Sternenhimmel stehen sie sich ganz nahe: in unmittelbarer südlicher Nachbarschaft vom Wassermann fliegt das geflügelte Ross über den Himmel.

Die Kraft, die uns beflügelt – in unserer Kultur tritt sie auch in Gestalt der Engel auf, ebenfalls wundervolle Mischwesen. Ganz in der Nähe des Theaters finden wir gleich zwei besonders strahlende Vertreter dieser himmlischen Wesen: der Uhrenengel am Eck zur Perusastraße und wenige Schritte davon entfernt der Engel der gleichnamigen Apotheke an der Theatinerstraße.

König und Freimaurer

Vor dem Theater thront unübersehbar der erste König von Bayern – und Erbauer des Theaters – auf dem kreisrunden Platz, gepflastert mit Isarkieseln: Max I. Joseph. Auf den ersten Blick passt er so gar nicht in das Bild des Wassermanns, steht er doch für die zentralistische Macht, die ja vom Wassermann eher angezweifelt wird. Doch das Bild ist in mehrerlei Hinsicht passend: Zunächst einmal bildet der König den Mittelpunkt eines Kreises. Das erinnert an das Symbol der Sonne, und damit an das Zeichen Löwe, das ja dem Wassermann genau gegenüberliegt. Wenn der Löwe den Mittelpunkt verkörpert, dann ist der Wassermann die Peripherie. Beides bedingt sich also.

Zugleich ist gerade dieser erste König von Bayern ein König der Widersprüche. Er ist der erste wirklich aufgeklärte Herrscher Bayerns und gemeinsam mit seinem Superminister Montgelas (den wir auf dem skorpionischen Promenadeplatz bereits kennen gelernt haben als Mitglied der radikal-aufklärerischen Illuminaten) den bayrischen Staat umbaute und die Säkularisation einleitete – die Entmachtung des Klerus. Die Prinzipien der Aufklärung wiederum, die in Frankreich zur Revolution führten, passen sehr gut zum Wassermann – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

So ist es nicht verwunderlich, aber dennoch wenig bekannt, , dass dieser Monarch nicht nur Oberhaupt Bayerns, sondern auch Mitglied eines Männerbundes war, der sich genau diesen Werten verschrieben hatte – Max I. Joseph war Freimaurer.

Die Kraft des Wassermann spüren

Wer auf dem Platz vor dem Nationaltheater verweilt, kann hier die Kraft des Wassermanns in sich aufnehmen. Es ist ein wundervoller Ort, um sich inspirieren zu lassen – und sich den ganz eigenen Gedanken hinzugeben. Folgende Fragen können die Kraft dieser Raunacht bündeln:

  • Wie bin ich im vergangenen Jahr mit Widersprüchen umgegangen? Wie ist es mir gelungen schöpferisch mit ihnen umzugehen?
  • Wie möchte ich im kommenden Jahr mit auftauchenden Widersprüchen umgehen? Wie kann ich meine eigene Fähigkeit zum Widerspruch stärken?
  • Wie ist es um meine Individualität bestellt? Was macht mich einzigartig? Was ist genau deshalb mein Beitrag zum großen Ganzen – ein Beitrag, den nur ich leisten kann, weil ich genauso bin wie ich bin?
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Christopher Weidner

AutorIn des Beitrags

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