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Das Geheimnis des Teufelstritt in der Frauenkirche

Das Geheimnis des Teufelstritt in der Frauenkirche

Teuflische Orte, Tarot-Orte

Über den Teufelstritt in der Frauenkirche haben wir bereits an anderer Stelle berichtet. Dort haben wir die Sage erzählt, die sich um diesen eigenartigen Fußabdruck rankt, der wenige Schritte vom Westportal unter der Orgelempore im Raum zwischen den beiden Türmen im Fußboden zu finden ist. Diese Sage will, dass es sich um eine Hinterlassenschaft des Leibhaftigen handelt, aus Zorn darüber, dass ihn der Baumeister des Domes hinters Licht geführt hatte.

Der Teufelstritt – eine hübsche Geschichte. Mehr nicht?

Doch was ist der wahre Hintergrund dieses Males in einer der bedeutendsten sakralen Stätten der Stadt? Merkwürdige Fußabdrücke in Stein, nicht nur vom Teufel, sind in vielen Gegenden zu finden. Bei manchen handelt es sich sicherlich um natürliche Formationen, die als Fußabdruck interpretiert werden, andere wiederum stammen wahrscheinlich von Menschenhand und dienen letztlich nur dazu, fromme Menschen von der Gegenwart des Numinosen zu überzeugen. So auch der Teufelstritt in unserer Frauenkirche bei näherer Betrachtung. Sehr wahrscheinlich stammt er nicht aus ältester Zeit, denn die Bodenplatte, in die er eingraviert ist, war einst Teil des Bodenbelags im Vorkriegszustand, wie man ihn noch in der Kapelle unter dem Nordturm begutachten kann. Als nach dem Krieg der Bodenbelag geändert wurde, setzte man die Fliese dort wieder ein, wo sie sich wohl ursprünglich auch befand. Allerdings wissen wir, dass die Fliese des Teufelstritt auf eine Erneuerung des Bodenbelags im Jahr 1671 zurück geht, also fast zweihundert Jahre nach der Errichtung der Kirche. Ob sich davor bereits ein ähnlicher Teufelstritt in der Kirche befand, ist nicht überliefert.

Ein weiteres Indiz für das wahre Alter des Fußabdrucks ist die Sage selbst. Sie lebt von dem Eindruck, dass man von genau dieser Stelle aus keine Fenster im Dom sehen kann, weil die Säulen so aufgestellt sind, dass sie die Seitenfenster verbergen. Erst wenn man in den Kirchenraum eintritt, löst sich dieser Eindruck nach und nach auf. Allerdings hat diese Geschichte einen echten Pferdefuß – das Fenster über dem Chorabschluss. Dieses ist heute wieder zu sehen, doch in früheren Zeiten gab es eine Hochaltar, der sogar dieses Fenster verdeckte. Dieser einstige Altar jedoch stand nur zwischen 1620 und 1858, sodass man davon ausgehen muss, dass die Sage in der bekannten Version erst in diesem Zeitraum entstanden sein kann.

Zum Teufel!

Und doch – hinter jeder Sage steckt auch ein wahrer Kern. Ist die Geschichte selbst wahrscheinlich nur eine hübsche Erzählung, so verweist sie darauf, dass sich hier eine besondere Stelle im sakralen Raum befindet. Möglicherweise wollte man den Platz markieren, von dem aus dieses Phänomen der fensterlosen Kirche gerade noch zu sehen war. Oder aber man verband diesen speziellen Ort wirklich mit etwas Teuflischen. Es gibt Hinweise, dass der Bereich in Kirchen nach dem Haupteingang und noch vor dem eigentlichen Kirchenraum als eine Art Zwischenwelt betrachtet wurde. Hier hat der man gerade die sündige Außenwelt verlassen, ist aber noch nicht vollständig in den heiligen Raum eingetreten. Es ist der Ort, an dem wir uns von den Sünden des Alltags befreien, uns reinigen für den Gottesdienst. In katholischen Kirchen dient dazu das rituelle Betupfen mit Weihwasser. Wasser löst die Sünden und lässt sie von uns abfließen. Das Wasser wiederum fließt in den Erdboden hinein, hinunter in die Tiefen der Erde, dort, wo im Reich der Dämonen der Teufel zuhause ist. Er ernährt sich gewissermaßen von den Sünden, die wir hier abstreifen. Vielleicht ist das der geheime Hintergedanke dieser Stelle: Hier schert sich zum Teufel, was des Teufels ist.

Der Teufel als Baumeister

Doch selbst wenn man nicht geneigt ist, an solche diabolischen Kraftorte zu glauben, ist es doch erstaunlich, dass bei einem Blick in die Sagenwelt anderer Landschaften der Teufel gar nicht so selten seine Finger im Spiel hatte, wenn es darum ging, Kirchen und Kathedralen zu errichten, sei es in Berlin, Wien oder in Köln. Möglicherweise versetzte die hohe Baukunst der Maurermeister die Menschen derart in Erstaunen, dass sie nur an Teufelswerk glauben konnten. Sooft der Teufel als Baumeister auftritt, sooft steht er am Ende als Betrogener dar. Der menschliche Geist siegt über die Kräfte der Finsternis, auch wenn er sich zuvor ihrer bedient hatte. Auch dahinter könnte sich ein Funken Wahrheit verbergen, denn die Gilde der Baumeister war eine derart verschworene Gemeinschaft, dass man ihnen durchaus zutraute, über das eine oder andere magische Geheimnis zu verfügen. Tatsächlich wurden die Lehren der Maurer und Steinmetze nur in den Bauhütten weitergegeben, und das auch nur mündlich. Diese bestanden sicher nicht nur aus physikalischen Kenntnissen wie Statik, sondern auch in der Einweihung in geheime Lehren, wie Zahlenmystik und besondere für wirksam erachtete zauberische Rituale. Nicht umsonst entstanden aus den Bauhütten – englisch: lodges – die Freimaurer-Logen, welche sich bis zum heutigen Tag in ihrer Symbolsprache an den Werkzeugen der mittelalterlichen Baumeister orientieren, siehe Winkel und Zirkel. Dieses für viele unheimliche Wissen der Meister des Kirchenbaus mochte dazu führen, dass man ihnen gerne einen Bund mit dem Teufel unterstellte.

Der, der alles durcheinander wirft

Wie auch immer die Sage vom Teufelstritt zu verstehen ist, sie kann uns auf die Spur eines wichtigen Geheimnisses bringen, dass uns im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße gelegt wird: dass das Böse immer Teil des Guten ist, so wie die Fußspur des Teufels mitten in der Kirche zu finden ist. Auch im Tarot ist das Auftauchen des Leibhaftigen eine zwiespältige Angelegenheit, denn wenn die 22 Geheimnisse des Tarot ein Abbild kosmischer Gesetze sind, gehört das Böse offensichtlich dazu. „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“, lässt Goethe seinen Mephisto sagen. Der Teufel ist der Herr der Unterwelt – und diese gehört nun mal zur Welt dazu. Als solcher besitzt er Kenntnisse, die uns Menschen zum Vorteil gereichen können, geheimes Wissen, das in der Tiefe zu finden ist – in den Tiefen unserer Seele, dorthin, wo wir unsere ganz persönlichen Dämonen verbannt haben. Die Konfrontation mit dem eigenen Schatten ist in vielen spirituellen Traditionen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung. Alles, was wir verdrängen, sammelt sich dort unter der Oberfläche unserer Existenz, immer bereit uns im Augenblick des Zweifelns zu überfallen und uns aus der Bahn zu werfen. Diabolos – das ist der, der durcheinander wirft. Vielleicht ist dies die eigentliche Bedeutung dieses Teufelstrittes – uns aus dem Tritt zu bringen und die hübsch zurecht gelegten Muster des alltäglichen schönen Scheins unseres Lebens zu stören.

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