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Das Geheimnis der Himmelskönigin

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Überall in der Stadt ist sie zu entdecken, auf Fassaden gemalt, in Nischen gestellt, an Hausecken angebracht: die Muttergottes mit dem Christuskind im Arm, ihr Haupt von Sternen umkränzt und ihren Fuß auf die Mondsichel gestellt. Die Himmelskönigin auf der Mariensäule ist eine unter vielen, und doch ist sie wohl die wichtigste und berühmteste. Wie kommt es zu dieser Darstellung?

Das apokalyptische Weib

Dazu müssen wir in der Heiligen Schrift nachschlagen, genauer gesagt im Buch der Offenbarung. Dort heißt es gleich am Anfang von Kapitel 12:

„Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf goldenen Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindesnöten und hatte große Qual zur Geburt.“

Auch wenn an dieser Stelle nicht von Maria, der Mutter Jesu, gesprochen wird, wurde diese schon bald mit der Frau aus der Apokalypse gleichgesetzt. Inoffiziell wurde dieser Titel Maria spätestens  seit dem 12. Jahrhundert zugesprochen, offiziell trägt sie den Titel aber erst auf Geheiß von Papst Pius XII. im Jahre 1954.

Himmelskönigin – ein alter Titel

Dieser Titel ist jedoch keine christliche Erfindung, sondern ein Beiname, den schon einige vorchristliche und damit heidnische Göttinnen trugen. Ihr Kult wird im Alten Testament sogar als Frevel erwähnt, z.B. bei Jeremias, wo geschildert wird, wie der nicht weiter namentlich genannten Himmelskönigin mit Speise- und Trankopfer gehuldigt wird. Aus anderen Quellen wissen wir, dass die sumerische Inanna als „Herrin des Himmels“ gerufen wurde, als „große Königin des himmlischen Horizontes und des Zenit“, und auch die akkadische Ishtar wurde so genannt. In vielen alten Kulturen ist der Himmel ein weibliches Wesen, zum Beispiel die altägyptische Göttin Nut, die als Verkörperung des Himmelszeltes mit einem sternenübersäten Leib dargestellt wird, der sich über den Erdenkreis spannt.

Die Mondsichel

Der Mond, auf den die Jungfrau tritt, ist eines der zentralen Symbole dieser älteren Himmelsköniginnen, steht er doch als Gestirn für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, weil er durch sein Zunehmen und Abnehmen die Wachstumsprozesse auf der Erde versinnbildlicht und zugleich mit seinen Phasen als Zeitmesser für die Rhythmen des Lebens dient. Der Mond mit seinem Zyklus von 28 Tagen findet darüberhinaus seine Entsprechung im monatlichen Zyklus der Frau, was ihn zum Stellvertreter der Muttergöttin machte, denn sie ist die Herrscherin über die Fruchtbarkeit der Erde und das Werden und Vergehen alles Lebendigen. Es gibt darüberhinaus weitere Parallelen zwischen den alten Muttergottheiten und der Muttergottes: Abbildungen zeigen beispielsweise die ägyptische Isis, wie sie ihr Kind Horus genau so auf dem Schoße trägt, wie später die Maria das Christuskind.

Die zwölf Sterne der Himmelskönigin

Viele Symbole, die in der Darstellung Marias als Himmelskönigin zu finden sind, sind demnach zumindest Erinnerungen an diese alten astralen Muttergöttinnen, die einst in Konkurrenz zum Gott Israels standen und von seinen Propheten bekämpft wurden. Die Attribute werden natürlich jetzt christlich umgedeutet werden, sodass mögliche heidnische Bezüge verschleiert werden. Die zwölf Sterne auf der Krone, die durchaus als Anspielung auf die zwölf Tierkreiszeichen der Astrologie verstanden werden können, werden zu den zwölf Stämmen Israels oder als zwölf Apostel umgedeutet. Der Mond, der sich zu ihren Füßen befindet und daher auch so etwas wie eine Mondbarke sein könnte, auf der die Himmelskönigin über das Meer der Nacht reist, wird nun von Maria getreten, nicht zuletzt um auch anzudeuten, dass sie den alten Mondkult überwunden hat. Desweiteren erfährt das Bild der apokalyptischen Frau ikonographische Ergänzungen, die den Sieg der Maria als Sinnbild der Kirche über allen Unglauben noch deutlicher herausstellen: Sie tritt nicht nur auf den Mond, sondern auch auf eine Schlange. Sie ist die alte Widersacherin der Menschen, die Eva einst im Paradies verführte und so die Erbsünde in die Welt brachte.

Das Erbe der Großen Mutter

So eifrig auch die Himmelskönigin zu einem rein christlichen Symbol umgestaltet wurde: in ihr lebt unverkennbar die Mystik der allumfassenden Muttergöttin weiter, wie sie in den antiken Kulturen gepflegt wurde und sehr wahrscheinlich auf älteste religiöse Schichten der Menschheit zurückgeht. Dass die Attribute der Großen Mutter, wie sie auch genannt wird, bis heute in Maria weiterleben, zeugt von dem tiefen Bedürfnis der Menschen nach mütterlicher Geborgenheit in der Welt.

Patrona Bavariae

Dieses Bedürfnis findet seinen ganz besonderen Ausdruck in den Zeilen des der Patrona Bavariae gewidmeten Lied aus dem 17. Jahrhundert, das zeitgleich zur Errichtung der Säule entstand:

O himmlische Frau Königin, / Der ganzen Welt ein’ Herrscherin!
Du Herzogin von Bayern bist, / Das Bayernland Dein eigen ist.
Darum liebreiche Mutter, / reich uns dein milde Hand, / halt deinen Mantel aus gespannt / und schütze unser Bayerland!
Dich München gar im Herzen hat / dein Dom steht mitten in der Stadt.
Auf hoher Säule ragt dein Bild, / du Schutzfrau Bayerns wundermild.
Das liebe Kind auf deinem Arm / des ganzen Volkes sich erbarm!

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Christopher Weidner

AutorIn des Beitrags

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