Die Lebenstreppe im Neuen Rathaus

Das Neue Rathaus in München ist das Hauptwerk des dem Historismus verpflichteten Architekten Georg Hauberrisser – und ein Meisterwerk der Neogotik, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode kam. Nicht von Anfang traf das Bauwerk mit seinem überreichen Schmuck auf Gegenliebe bei den Münchnern und noch heute sind Stimmen zu hören, die es als “Zuckerbäckerwerk” bespötteln.

Zuckerbäckerwerk als Touristenmagnet

Doch genau diese ins Überflüssige gehende Liebe zum Detail macht das Münchner Neue Rathaus zu etwas ganz Besonderem und zu einer DER Touristenattraktionen der Stadt überhaupt – natürlich auch wegen des weltberühmten Glockenspiels. Stunden kann man damit verbringen, die Fabelwesen, Sagengestalten, historischen Persönlichkeiten, Fratzen und Speierfiguren zu betrachten – und immer wieder entdeckt man Neues, innen wie außen.

Ein Füllhorn der Fantasie

Hauberrisser selbst setzte sich intensiv mit der Gotik auseinander, bereiste Länder wie Frankreich und andere Hochburgen der Gotik wie Köln, um sich inspirieren zu lassen und die Formensprache des Mittelalters genau zu verstehen. Und so wirkt die Gestaltung des gesamten Bauwerks wie aus einem Guss, versetzt uns ohne Umwege in die fantastische Welt des Mittelalters. Fantasie – das ist der Schlüssel zum Verständnis des Neuen Rathauses, das an allen Ecken und Enden Geschichten erzählt. Ein Füllhorn der Vorstellungskraft, das großzügig über uns ausgeschüttet wird.

Die Treppe des Lebensalter

In diesem Beitrag lenken wir uns auf ein ganz besonderes Bauteil im Innenhof des Rathauses: der Wendeltreppe. Sie besitzt eine Figurenprogramm, dass sich mit der Entwicklung des Menschen von der Kindheit bis ins hohe Alter auseinandersetzt und damit in der Tradition der seit dem Mittelalter beliebten Lebenstreppe steht.

Vier Lebensphasen – für Männer und Frauen

Vier Großskulpturen am ersten Lauf der Turmtreppe zeigen die vier Phasen des menschlichen Lebens: Mutter mit Kind, Jugend, Erwachsenen- und Greisenalter. Während sich die großen Figuren auf den Lebensweg des Mannes beziehen, entdecken wir in vier Porträtbüsten an den Konsolen vier weibliche Köpfe, welche die entsprechenden Phasen im Leben der Frau durchspielen.

Die Lebenstreppe: Abbild der menschlichen Entwicklung

Die Wendeltreppe im Innenhof steht damit symbolisch für das Leben des Menschen selbst, das schon in der Antike häufig mit dem Auf und Ab einer Treppe verbunden wurde: das Leben des menschen entwickelt sich dieser Anschauung nach in Stufen. Im Mittelalter dachte man sich das Leben des Menschen wie eine solche Treppe, die von der Geburt in Stufen von je zehn Jahren aufsteigt, ihren Höhepunkt mit der Lebensmitte um das vierzigste Lebensjahr erreicht, um dann wieder abzusteigen. Dieses Motiv wurde von der frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert in vielen Darstellungen gerne aufgegriffen – als Lebenstreppe. Sie ordnete das menschliche Leben entlang der Zeit und schuf einen Bewertungsrahmen des jeweiligen Alters, in dem zum Beispiel das Erwachsenenalter mit seiner Höhe über allen anderen Altersstufen klar als wichtigste Lebensphase gegenüber Jugend und Alter dargestellt wurde.

Jahrzehnte des Menschen im Spiegel der Tierwelt

Über dem dritten Stockwerk des Treppenturms im Innenhof des Neuen Rathauses werden in der Tradition dieser Treppe der Lebensalter in den Giebeln die Dekaden des Menschenalters für beide Geschlechter dargestellt – durch Tiere, welche die Eigenschaften des jeweiligen Alters bildhaft persiflieren. Doch was vordergründig eine spöttische Bemerkung ist, erweist sich im Hintergrund als symbolisch tiefsinnig. Im Uhrzeigersinn, von rechts nach links, folgen die zehn Dekaden des Lebensalters aufeinander.

Schematische Darstellung der Darstellung der Lebensalter und ihrer Symbole an der Lebenstreppe im Innenhof des Neuen Rathaus in München.

In den Giebeln sind große Plastiken der jeweiligen Tiere zu sehen, zur Rechten begleitet von weiteren Tieren, deren Zuordnung nicht ganz einheitlich erfolgt – so taucht der Hund zweimal auf, während der Esel, der dem 90jährigen entspricht wieder am Rande der Kindheit auftaucht, vielleicht um einen Kreislauf des Lebens anzudeuten. Jeder Giebel wird gekrönt von dem geflügelten weiblichen Pendant. Die übrigen Lebensalter werden durch in den Stein der Säulen zwischen den Giebeln geschlagene Zeichnungen dargestellt, stets das weibliche Exemplar auf der linken, das männliche auf der rechten Seite.

Zehn Jahre – ein Kind

Das Kind von zehn Jahren wird mit dem Kalb, das seine Milch noch von der Mutterkuh bekommt, und der hübschen Wachtel, die das Leben noch nicht wirklich ernst nimmt, symbolisiert.

Zwanzig Jahre – ein Jüngling

Mit zwanzig wird aus dem Kind ein Jüngling oder eine Jungfrau, verkörpert durch den ungestümen Widderbock, Inbegriff der schöpferischen Lebenskraft, der sich aber auch noch die Hörner abstoßen muss, und die sanfte Taube, dem Vogel der verführerischen Liebesgöttin Venus.

Dreißig Jahre – ein Mann

Mit dreißig haben wir es mit einem jungen Mann und einer jungen Frau zu tun in ihrer Blüte: der starke, potente, körperbetonte, beharrliche, oft aber auch sture Stier und die glänzendes Geschmeide liebende Elster, ein magisches und zwiespältiges Tier, weiß und schwarz, mal Unglücksbote, mal Glücksbringer – beiden stehen für die Stufe des Lebens, in der wir uns noch von Äußerlichkeiten beeindrucken lassen.

Vierzig Jahre – wohlgetan

Mit vierzig Jahren „wohlgetan“ erreichen wir den Höhepunkt des Lebens: der Mann wird zum kraftvollen Löwen, souverän und mächtig, Symboltier der Leben spendenden Sonne, und Attribut der Helden wie Herakles oder auch Heinrich dem Löwen, dem Gründer von München, und die Frau zum schönen Pfau, der Vogel der höchsten Göttin Hera, Beherrscherin des Himmels, an dessen sterben übersätes Firmament die Augen des Pfauenrades erinnern.

Fünfzig Jahre – stillestahn

Dann geht es eigentlich wieder bergab, denn die nächste Stufe, mit fünfzig Jahren „Stillestahn“, wird vom eher körperlich unterlegenen, dafür schlauen Fuchs und der alten, aber weisen Henne verkörpert, ein mütterliches Wesen, die geduldige Glucke, die die ihren umsorgt, Inbegriff der beschützenden Liebe.

Sechzig Jahre – geht’s Alter an

Mit sechzig Jahr „geht’s Alter an“ und wir bauen weiter ab, werden als Mann zum grauen Wolf, griesgrämig und leicht verbissen, aber noch respekteinflößend, als Frau zur Gans, dem Vogel der Frau Holle, der alle weiblich-mütterlichen Aspekte in sich vereinigt: ihre Federn wärmen, ihr Fleisch und ihre Eier nähren und dank ihrer Wachsamkeit behüten sie Haus und Hof.

Siebzig Jahre – ein Greis

Mit siebzig Jahr „ein Greis“, verkörpert durch den Hund und den alten Geier – beide auf den ersten Blick wenig schmeichelhafte Zuschreibungen, doch gilt der Hund auch als Hüter der Anderswelt, der Mittler zwischen Diesseits und Jenseits und steht darum für ein Wissen, das nicht mehr nur aus der Erfahrung des Lebens, sondern auch aus dem Bewusstsein des Todes gespeist wird; der Geier ist in Wirklichkeit das Tier der Großen Göttin Isis und ebenfalls ein Vogel, der sich an der Grenze zwischen dem Reich des Lebens und des Todes beheimatet fühlt.

Achtzig Jahre – schneeweiß

Mit achtzig werden wir „schneeweiß“, werden zu Kater und Eule, der eine, der sich am Ofen zusammenrollt und nur noch schläft, die andere ein Vogel der Nacht, dessen unheimlicher Ruf nichts Gutes verheißen mag – und doch sind beide Tiere der Magie und der Weisheit, eigenwillig, unberechenbar, frei von allen Konventionen.

Neunzig Jahre – Kinderspott

Mit neunzig Jahren werden wir im Sinne der Treppe des Lebens zum „Kinderspott“, werden zum grauen Esel, gutmütig, aber dumm, und zur schaurigen Fledermaus, ein Wesen der Nacht und nicht mehr von dieser Welt – doch drückt sich darin nur das völlige Losgelöstsein dieses Lebensalters von allen Regeln der Vernunft, die Freiheit des Narren wieder. „Mit 100 Jahren Gnade’ von Gott“ – so schließt die Münchner Treppe der Lebensalter im Neuen Rathaus, und verzichtet dabei  weitere Vergleiche mit der Tierwelt.